Von den Ardennen zurück ans Meer - Belgien Roadtrip Teil 3

 

Mangels WLAN, Datenvolumen, Lust und Zeit kommt erst jetzt ein Update zu unserer Tour de Belgique. Nach unserer Hausboot-Tour ging es für uns wieder zurück nach Belgien und weiter in Richtung Norden. Inzwischen sind wir fast am Ende dieser Recherchereise angekommen. Nur noch wenige Kilometer trennen uns von der Nordseeküste und in den vergangenen beiden Wochen haben wir wieder einiges erlebt und gesehen.

 

Derzeit stehen wir in Ypern – einem sehr geschichtsträchtigen Landstrich Belgiens. Traurige Berühmtheit erlangte er durch den Ersten Weltkrieg und die erbitterten Schlachten, die sich hier die Truppen Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und der Commonwealth-Staaten lieferten. Hier in Ypern tauchten wir ganz tief ein die Geschichte und blieben länger, als wir eigentlich wollten. So erlebten wir gleich am ersten Abend eine sehr berührende und eindrucksvolle Zeremonie, die allabendlich am Meeneport stattfindet. Jeden Tag um 20.00 Uhr hält die Stadt für einen Moment inne und gedenkt der Abertausenden von Gefallenen. Der Verkehr wird angehalten, drei Trompeter spielen den Last Post und es werden – zumeist von Schülern – Kränze an der Gedenkstätte niedergelegt. Tag für Tag, Abend für Abend und das seit 1927. Nur während des zweiten Weltkrieges musste dieses Ritual pausieren. Es herrschte eine ganz besondere Stimmung. Pünktlich dem Läuten der Kirchturmuhr verstummten die Gespräche, die Menschen, darunter mehrere Schulklassen, wurden still, die Trompeter begannen zu spielen. Einer dieser Gänsehaut-Momente.

Am zweiten Tag schwangen wir uns auf die Fahrräder. Eine 45 Kilometer lange Friedenstour - die Vredesroute - führt zu den Schlachtfeldern, Gedenkstätten und Soldatenfriedhöfen rund um Ypern. Kaum vorstellbar, dass man sich hier Aug-in-Aug erbitterte Kämpfe lieferte und zum ersten Mal auch Giftgas eingesetzt wurde. Heute wachsen auf den Feldern Rosenkohl, Mais und Lauch en masse, auf den Weiden sehen wir Kühe, Schafe und Pferde, der Radweg verläuft wunderschön entlang von Kanälen, über die Dörfer und entlang einer ehemaligen Bahntrasse. Immer wieder unterbrochen von den vielen, vielen Grabsteinen, Kreuzen und Monumenten. Ein sehr eindrucksvoller und nachdenklich stimmender Tag, bei dem wir am Ende dann auch noch gegen kräftigen Wind anstrampeln mussten.

Unser dritter Tag führte uns dann nach Ypern hinein. Die Stadt wurde während beider Weltkriege nahezu komplett zerstört, kann aber heute wieder mit den historischen Tuchhallen, Kirchen, flandrischen Gebäuden und dem Grote Markt aufwarten. Sprichwörtlich auferstanden wie Phönix aus der Asche. In den Tuchhallen besuchten wir das überaus sehenswerte In Flandern Fields Museum. Aus dem „wir schauen uns das mal an“ wurde ein mehr als zweistündiger, intensiver und emotionaler Museumsbesuch. Zuletzt erlebte ich das beim Besuch des Friedensmuseums von Hiroshima bei unserer Japan-Reise. Wir hörten uns durchweg alle Stationen des Audio-Guides an, schauten uns die Filme an, bestaunten die vielen persönlichen Dinge, die hier ausgestellt und von Zeitzeugen dokumentiert wurden. Sehr gut aufbereitet, ohne zu heroisieren oder einseitig Schuld zuzuweisen. Für uns definitiv ein Must-have-seen.

Ja, und was ist bis hierher passiert? Eine ganze Menge, würde ich mal sagen. Zunächst konnten wir uns kaum aus den wunderschönen Ardennen lösen. Definitiv eine der schönsten Regionen Belgiens mit romantischen Tälern, ausgedehnten Wäldern und ein Eldorado für Wanderer und Kanuten. Dort schauten wir uns ein historisches Bücherdorf, alte Handwerkstechniken und idyllische Dörfer mit ihren Steinhäusern an.

Eine besonders nette Begegnung hatten wir auch im Eisenmuseum Fourneau St. Michel. Wir waren dort an einem unserer wenigen Regentage. Es herrschte Dauer-Nieselregen, der wohl typisch für die Ardennenregion sein soll. Eher ein Wetter, an dem man keinen Hund rausjagen würde. Gefühlt in-the-middle-of-nowhere dann das Museum, in dem wir an diesem Tag wohl die ersten und einzigen Gäste waren. Am Kassenschalter ein Mann, der auf den ersten Blick an den leider viel zu früh verstorbenen Schauspieler Robin Williams erinnerte. Als er es sich dann auch nicht nehmen ließ, uns durch die Ausstellung zu führen und uns alles genau zu erklären, fühlten wir uns dann vollends im legendären Film „Der Club der toten Dichter“. Wieder mal einer dieser besonderen Momente, der uns den Museumsbesuch in besonderer Erinnerung bleiben lässt.

Eine weitere tolle Begegnung hatten wir, als wir auf der Irrfahrt zu einem auserkorenen Stellplatz bei den Schiffshebewerken von Strépy Thieux waren. Bereits bei einer unserer ersten Mumin-Ausfahrten hatten wir dort einen schönen Übernachtungsplatz gefunden, den wir nun ansteuern wollten. Siehe auch unseren Bericht hier: Das gigantische Hebewerk am Canal du Centre konnten wir bereits sehen. Blöd nur, dass zwischen ihm und uns mehrere Kanäle, kleine Hebebrücken und mehrere Baustellen-Umleitungen lagen. So irrten wir im Feierabendverkehr mit dem dicken Mumin durch ein Gewirr aus Einbahn- und zugeparkten Anwohnerstraßen, standen vor Hebebrücken für Fußgänger und Radfahrer und waren schon kurz vor dem Verzweifeln. Da hupte plötzlich ein netter Mensch in seinem kleinen Autole, erkannte unser Problem und geleitete uns durch das Chaos. Wie ein Wunder landeten wir dann tatsächlich dort, wo wir auch hinwollten. Und zum Abschied schenkte er uns sogar noch eine Flasche Bier. Was sagt man dazu? Und wir dachten, sowas gibt es nur noch in Albanien.

 

Weiter ging es dann durch eine ehemalige Bergbauregion und in Charleroi (angeblich die hässlichste Stadt der Welt) besuchten wir eine Zeche, die 1956 durch das größte Bergwerksunglück Belgiens von sich Reden machte. 262 Kumpel kamen damals durch einen Brand in der Mine ums Leben. Heute gehört die Zeche mit ihrem Industrie- und Glasmuseum sowie der Gedenkstätte für die Bergleute zum UNESCO-Weltkulturerbe.

 

 

Natürlich stand auch ein Besuch einiger der Abteien und Klöster auf unserem Besichtigungsprogramm, in denen auch heute noch das berühmte Trappisten-Bier gebraut wird. Mehr als 3000 Sorten Bier gibt es in Belgien und wir sind bei unserem Bier-Tasting noch lange nicht durch. Dabei hat es der Gerstensaft hier durchaus in sich. Der Alkoholgehalt von teilweise mehr als 10 Prozent kommt durchaus an ein Viertele Rotwein ran. Obwohl ich nicht gerade zu den Bier-Fans gehöre – hier könnte ich es werden. Die dunklen Sorten haben es mir besonders angetan und wir denken inzwischen darüber nach, eine Bier-Pipeline nach Deutschland zu legen.

In der Stadt Namur landeten wir in einer ganz besonderen Kneipe. Auf dem Rückweg zu unserem Mumin nach einer anstrengenden Sightseeing-Tour wurde es Zeit für das obligatorische Feierabend-Bier. Es war jedoch ein Montag, viele Restaurants und Bars geschlossen und wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben. Zwischen einer alten Kirche und dem Universitätsviertel fanden wir schließlich „Le Chapitre“. Nomen est Omen und in der urigen Bierkneipe fanden wir uns schnell in einem illustren Publikum wieder. Zunächst noch alleine füllte sich der kleine, rustikale Raum mit Wohnzimmer-Charakter schon bald mit Studenten, Professoren, Anwohnern, Bankern – kurzum: eine sehr bunte Mischung, ein marokkanischer Gastwirt, französische Chansons von Jaques Brel aus dem Lautsprecher und unzählige Sorten Bier zum Probieren. Muss ich erwähnen, dass wir ein wenig versumpft sind???

Danach erreichten wir dann auch schon bald die hübschen Altstädte von Tournai, der Stadt an der Schelde, und Kortrjik am Fluss Leie mit ihren Belfrieden und Beginenhöfen, von einem Augenblick zum nächsten überquerten wir die unsichtbare Grenze zu Flandern und von einem Moment zum anderen wurde auch wieder niederländisch und nicht mehr französisch gesprochen. Da sind die Belgier konsequent und mit meinen Französisch-Kenntnissen komme ich nun nicht mehr wirklich weiter. Englisch geht noch ok, ein wenig Deutsch auch noch, aber Französisch ist fast ein no-go. Obwohl es eine der Staatsprachen Belgiens ist. Ok – kann man verstehen, muss es aber nicht. Es scheint ein immer noch schwelender und seit ewigen Zeiten währender Konflikt zwischen den Wallonen und den Flamen zu sein. Das zumindest haben wir bei einem netten Gespräch mit einem älteren Ehepaar erfahren, mit dem wir in der Klosterbrauerei von Chimay ins Gespräch kamen. Sie Wallonin, er Flame - eine Verbindung, die so "unmöglich" war wie einst bei uns eine Heirat zwischen Katholiken und Protestanten. Aber die Ehe der beiden hat gehalten, sie haben drei Kinder und sieben Enkelkinder, wie sie uns stolz berichteten.

So sind wir nun in Ypern und damit nahezu am Ende unserer Reise angelangt. Wir wollen nun noch ein schönes Plätzchen am Meer suchen, um ein wenig auszuspannen und noch den goldenen Oktober zu genießen. Wettertechnisch hatten wir nämlich ziemlich Glück, auch wenn die Temperaturen inzwischen recht frisch geworden sind. Zwar hat es uns die belgische Küste bei unserer ersten Stipvisite nicht wirklich angetan, aber wir wollen ihr eine zweite Chance geben.Der geplante Ausflug nach Nordfrankreich wird also gestrichen. Die Rückfahrt ist über Belgien und Luxemburg geplant – schließlich wollen wir dort den Mumin nochmal ordentlich mit günstigem Diesel befüllen. Die Nachrichten aus Deutschland sind dahingehend nicht wirklich erfreulich….

Natürlich werde ich dann auch noch von unserer letzten Etappe in Belgien berichten und dabei dann auch ein Reisefazit ziehen. Immerhin haben wir es hier länger ausgehalten als geplant 😉


Kommentare: 1
  • #1

    goldfish (Donnerstag, 21 Oktober 2021 15:23)

    hi ihr beiden,
    wieder ein "fettes" Danke an Euch für den Bericht.

    Gruss
    goldfish