Nun sind wir bereits einige Wochen in Tschechien unterwegs. Unser Recherche-Alltag ist geprägt von Stadtbesichtigungen, Wanderungen, Fahrradtouren. Das Land entpuppt sich immer mehr als Hardcore-Trainingslager und wir sind abends regelmäßig so platt, dass sowohl Lust als auch Energie fehlen, um unsere Homepage mit Inhalt zu füttern. Es reicht meist gerade noch so, unseren Tag zu dokumentieren, das Bildmaterial zu sichten und zu sortieren. Doch viele von euch folgen ja unserem WhatsApp Status oder auf polarsteps, so dass ihr eigentlich up-to-date sein müsstet 😉
Hinter uns liegt also Westböhmen mit den berühmten Kurbädern Karlsbad, Franzensbad und Marienbad. Eine Region, die wir bereits vor mehreren Jahren schon einmal bereits hatten. Zugegeben – nicht so intensiv und mit einem Buchauftrag wie heute – doch so ganz unbekannt war uns die Gegend nicht. Zumal auch meine (Ullis) eigenen Wurzeln hier liegen und die wollte ich dann doch etwas genauer erforschen.
Marienbad
Franzensbad
Karlsbad
Mein Vater stammt aus der Provinz Karlsbad und musste als Zwölfjähriger 1945 mit seiner Familie die Heimat verlassen. Zurückgelassen haben sie Haus und Hof. Mitnehmen konnten sie nur das Nötigste. Nach dem Niedergang des Eisernen Vorhangs und den Grenzöffnungen nahm mein Vater uns im Herbst 1993 mit in seinen Geburtsort und zeigte uns die Dörfer seiner Kindheit. Zwar hatte ich damals einige Fotos gemacht, doch so wirklich verinnerlicht hatte ich die Orte nicht. Irgendwie war das damals alles so fremd und so weit weg. Erinnern kann ich mich an den Geruch nach Kohlefeuern in den Häusern, an graue Gebäude und verfallene Landgüter. Dass ich je nochmals hierher zurückkehren würde, lag fern aller Vorstellungen.
Doch nun verschlägt es uns tatsächlich noch einmal in diese Region und wir begeben uns auf Spurensuche. Dank dem Internet und Google-Streetview wird diese erheblich erleichtert. Ich finde heraus, dass Poschau heute Bošov heißt, dass Luditz Žlutice ist und dass Nahořečice der Geburtsort meiner Großmutter ist. Wir klinken uns einen Tag aus dem offiziellen Recherchemodus aus und fahren die Orte ab, die wir 1993 besuchten.
In Bošov finden wir den ehemaligen Hof meines Vaters wieder. Wie schon 1993 ist er weiterhin in einem sehr desolaten Zustand. Nach der Vertreibung der deutschen Dorfbewohner wurde die Region von der tschechoslowakischen Regierung wiederbesiedelt mit Menschen aus dem östlichen Landesteilen, Ukrainern, Sinti und Roma. Das ehemals stolze landwirtschaftliche Anwesen wird heute als Viehstall und Lagerstätte genutzt, die Gebäude sind teilweise verfallen. Auf den Weiden grasen Pferde und es gibt einen kleinen Reitplatz.
Als wir uns umschauen, kommt ein Nachbar heraus. Er spricht weder deutsch noch englisch, stellt sich aber als Giorgio aus Italien vor und erlaubt uns, einige Fotos zu machen. Er selbst scheint das Häuschen zu renovieren, in dem wir vor mehr als 30 Jahren von einer alten Frau empfangen wurden. Sie konnte sich noch an die Familie meines Vaters erinnern und bewirtete uns damals in ihrer kleinen Wohnküche mit selbstgemachtem Kompott, Saft und Gebäck. Schon damals ein eindrücklicher Moment. Jemand der selbst nur wenig hat, teilt es noch mit anderen.
Bošov lag früher direkt an der Hauptverbindungsstraße von Karlsbad nach Prag. Durch den Neubau einer Umgehung liegt der Ort heute abgeschieden, besteht nur noch aus ein paar einfachen Häusern und einer kleinen Kapelle.
Ganz in der Nähe von Bošov liegt das Dorf Nahořečice, der Geburtsort meiner Großmutter. Wir erreichen es auf kleinen Sträßchen und finden einen Parkplatz für den Mumin vor dem Dorf bei einer verfallenen Mühle. Von dort spazieren wir hinauf zur Kirche. Sie bildete früher die Gemeinde für die umliegenden Dörfer und verstreuten Landgüter. Als wir den Ort 1993 besuchten, war der Friedhof ein einziger Schutthaufen und die Kirche baufällig. Es gab schon damals eine Gruppe der Heimatvertriebenen, die sich mit finanzieller Unterstützung um den Erhalt und die Pflege der Kirche kümmerte. Das scheint gelungen zu sein, denn der Friedhof ist aufgeräumt und aus dem Fragmenten der zerstörten Grabsteine wurde ein Kreuz gestaltet. Zum Gedenken an die Opfer und Toten der Kriege. Wir finden sogar den alten Grabstein einer meiner Vorfahren. Das ist schon ein bewegender Moment.
Von unserem ersten Besuch kann ich mich auch noch an ein altes Schloss erinnern, das in ziemlich baufälligem Zustand war. Wir finden das Schloss Vařcak ganz in der Nähe und tatsächlich ist es sprichwörtlich wie Phönix aus der Asche auferstanden. 1993 war es nach einem Großbrand in den 1970er Jahren weitgehend eine Brandruine. Inzwischen wurde es teilweise restauriert und liegt mitten in einem wunderschönen Schlosspark. Die noch leeren Innenräume sind heute eine spannende Kulisse für Kunstausstellungen und ein Lapidarium. Ein verborgenes Juwel.
Hier genießen wir die Abendsonne im Schlossgarten bei einem Feierabendbier und lassen unsere Gedanken und Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren. Es war ein sehr emotionaler und bewegender Tag und wir sind froh, uns noch einmal auf die Spurensuche begeben zu haben.